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Gesellschaftstheorie und Gegenwartsdiagnostik
Innerhalb der Allgemeinen
Soziologie ist es hilfreich, zwischen Sozialtheorie und
Gesellschaftstheorie zu unterscheiden: Die Theorie des Sozialen
antwortet auf die Frage, wie Sozialität überhaupt
funktioniert, die Theorie der Gesellschaft auf die Frage: In welcher
Gesellschaft leben wir eigentlich?
Thema des Arbeits- und Forschungsvorhabens ist die
adäquate Theorie der Gesellschaft, die Theorie der
gegenwärtigen Gesamtgesellschaft. Der
Gesellschaftsbegriff der soziologischen
Gegenwartsdiagnostik scheint derzeit in Postmoderne-,
Multikultur-, Medien-,
Risiko-, Wissens-, Erlebnis-, Verantwortungs-, Konsum-
etc.-Gesellschaft zerfasert. Gegenüber diesen "Wimmelbegriffen"
der
soziologischen Gegenwartsdiagnostik soll geprüft werden, ob und
aus welchen Gründen nach wie vor ‚bürgerliche
Gesellschaft' das stabile, schlüssige Konzept einer Soziologie der
gegenwärtigen Moderne
bilden könnte. "Bürgerliche Gesellschaft" als
gesellschaftsdiagnostisches Konzept ist dabei nicht deckungsgleich mit
praktisch-politischen Konzepten der "Bürgergesellschaft" /
"Zivilgesellschaft"
oder der ökonomiezentrierten Theorie des Kapitalismus (z.B. dem
kapitalismuskritischen Terminus "neo-liberaler Gesellschaft").
Die soziologisch reformulierte Theorie "bürgerlicher Gesellschaft"
rekurriert handlungs- und
strukturtheoretisch gleichermaßen auf die nicht aufeinander
rückführbaren Sozialerfindungen des Privateigentums
(Bourgeoisie; commercial society), der Selbstverwaltung (seit der
okzidentalen Stadt; Autokephalie, civil society, Rechtsstaat) und des
durch Kritik notorisch
Krisen und Kreativität auslösenden Bildungsbürgertums
(creative class). Mit dem langen Atem einer historischen
Soziologie kann dann die
Gegenwartsgesellschaft als eine durch und durch "bürgerliche
Gesellschaft" diagnostiziert werden. Gegenüber der
bürgerlichen
Gesellschaft des 19. Jahrhunderts handelt es sich allerdings um eine
neue Gestalt: es ist die bürgerliche Gesellschaft nach
ihrer Kontingenz- und Vernichtungserfahrung durch dezidiert
nicht-bürgerliche Formationen der Moderne im 20.
Jahrhundert: eine Gesellschaftsformation, die die bürgerliche
Vergesellschaftung innerhalb der Massengesellschaft mit neuen Medien
und Mechanismen sozialer Integration angereichert hat
('verbürgerlichte Massengesellschaft'); zugleich implementiert sie
als
transnationaler Verbund (Europäische Union, NATO) tendenziell ihre
Strukturen und "Sozialfiguren"
der Bürgerlichkeit in der Weltgesellschaft
(sich verbürgerlichende Weltgesellschaft).
.
Neben der Vergegenwärtigung klassischer Konzepte, die
bürgerliche Gesellschaft, Bürgertum und Bürgerlichkeit
rekonstruieren (Smith, Hegel, Marx, Tocqueville, Weber, Sombart, Simmel
u.a.) und der
Einarbeitung der historischen Bürgertumsforschung wird die These
an Befunden aus der Familien-, Sozialstruktur-, Vermögens-,
Bildungs-, Politik-, Medien-, Stadt- und Zivilreligionsforschung
erprobt. Die oben aufgeführten partikularen Gesellschaftsbegriffe
der Gegenwartsdiagnostik
könnten dann als aufmerksamkeits- und ressourcensteuernde
Facettendiagnostiken der bürgerlichen Gesellschaft angesichts
ihrer Pathologien und Krisen begriffen werden; die Systemtheorie
Luhmanns oder die Habitustheorie Bourdieus wären so
gesehen avancierte Varianten der "gebildeten" Selbstbeschreibung
bürgerlicher Vergesellschaftung. Die Soziologie als Disziplin
wäre dann recht verstanden die institutionalisierte Beobachtung
der bürgerlichen Gegenwartsgesellschaft, sie fungierte als
die
auf Dauer gestellte Beobachtungswissenschaft dieser "bürgerlichen
Gesellschaft" der Moderne.
Publikationen
Bürgerliche
Gesellschaft. Zur historischen Soziologie der Gegenwartsgesellschaft,
in: Clemens Albrecht (Hg.), Die Bürgerliche Kultur und ihre Avantgarden,
Würzburg 2004, S. 97-118.
Warenwerbung
und Warentest oder Poetismus und Rationalismus. Komplementäre Sozialmechanismen
in der bürgerlichen Massenkultur,
in: K.-U. Hellmann/D. Schrage (Hrsg.), Konsum der Werbung. Zur Produktion
und Rezeption von Sinn in der kommerziellen Kultur, Wiesbaden 2004, S.
49-62.
Exzentrische Positionalität. Der Potsdamer
Platz aus der Perspektive der Philosophischen Anthropologie,
in: Joachim Fischer/Michael Makropoulos (Hg.), Potsdamer Platz. Soziologische
Theorien zu einem Ort der Moderne, München 2004, S. 11-32.
Bourdieu und Luhmann als Theoretiker der
"bürgerlichen Gesellschaft",
in: Vorgänge,
Nr. 170, 44. Jg., Heft 2 (Juni 2005), S. 53-60.
"Weltgesellschaft" im Medium der
"bürgerlichen Gesellschaft",
in: Sociologia Internationalis, 43. Bd. (2005), H. 1/2, S. 59-98.
Bourdieu
und Luhmann. Soziologische Doppelbeobachtung der 'bürgerlichen Gesellschaft'
nach ihrer Kontingenzerfahrung,
in: Karl Siegbert Rehberg (Hrsg.): Soziale Ungleichheit - Kulturelle Unterschiede.
Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
in München 2004, Frankfurt/New York 2006, CD, S. 2850-2858.
Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?
Tagung der Stiftung Schloß Neuhardenberg, 13.06.2007.
Wie
bürgerlich ist die Moderne? Bürgerliche Gesellschaft, Bürgertum,
Bürgerlichkeit
Gemeinsame Konferenz der Sektionen Soziologische Theorie und Kultursoziologie
in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie; zus. m. Andreas Reckwitz,
13./14. Juli 2007 an der Universität Konstanz; Tagungsbericht von Daniel Grummt / Peter Hausdorf
Die bürgerliche Alternative.
Besprechung von Jörg Magenau, Die taz. Eine Zeitung als Lebensform, in:
Die taz, 13.10.2007.
In welcher Gesellschaft leben
wir eigentlich? In der bürgerlichen!,
in: Aus Politik und Zeitschichte (Thema: Bürger - Bürgertum
- Bürgerlichkeit), 9-10/2008, S. 9-16.
Bürgerliche Gesellschaft - Schlüsselbegriff einer soziologischen Theorie nach 1989,
in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, H. 1 (2009), S. 141-155.
Bürger, Weltbürger,
in: Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialtypen der Gegenwart. hg. v. Stephan Moebius und Markus Schroer, Frankfurt a.M. (im Druck).
Heinz Bude / Joachim Fischer: Streitgespräch zur Bürgerlichen Gesellschaft,
Hamburger Institut für Sozialforschung, 18. Januar 2010
Workshop 'Bürgerliche Gesellschaft'
Hamburger Institut für Sozialforschung, 19. Januar 2010
Heinz Bude / Joachim Fischer / Bernd Kauffmann (Hg.),
Bürgerlichkeit ohne Bürgertum?, München 2010 (im Erscheinen)
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